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Der Graseweg

Blick in den GrasewegDer Graseweg, eine alte enge Straße in Halle an dem uralten Hallmarkt, empfing seinen Namen von dem Grashof, einer der ältesten Verschanzungen der ältesten Stadt Halle im Norden; er bedeutete also den Weg zum Grashof.

Das Volk weiß aber den Namen ganz anders und gar schaurig zu erklären, und so erzählt es folgendes: Als im Jahre 1350 die furchtbare Pest in Halle hauste und keinen verschonte, weder Mann noch Weib, weder Kind noch Greis, da wollte man sich durch Absperrungen vor der Ansteckung retten. So vermauerte und vernagelte man alle Ausgänge des Graseweges, in dem die Pest aufgetreten war, trotz des Flehens und des Jammergeschreies der Einwohner, die elend verhungern mussten.

Erst nach zehn Jahren riss man die Absperrung nieder, da sah man nun das hohe Gras auf der ganzen Straße stehen, aus dem die weißen Knochen der Skelette der Verhungerten und der an der Pest Gestorbenen schimmerten. Von diesem gänzlich vergrasten Wege erhielt die Straße fortan den Namen "Graseweg".

(aus: Siegmar Schultze-Gallera, Die Sagen der Stadt Halle und des Saalkreises, Halle 1922)