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Das eingemauerte Kind

Schafbrücke über die weiße Elster unterhalb der ehemaligen BroihanschenkeAm Mittelpfeiler der Zollbrücke, die unterhalb der Broihanschenke zwischen Ammendorf und Beesen über die Weiße Elster führt, befindet sich an der Ostseite eine Sandsteinplatte. Dahinter soll ein Kind eingemauert worden sein.

Als man nämlich anfing, die Brücke zu bauen, fanden die Maurer an jedem Morgen zerstört, was sie Tags zuvor gebaut hatten. Ein vorübergehender Mönch, dem sie ihr Leid klagten, sagte ihnen, die Wassergeister wären über den Bau erzürnt und würden sich nur durch ein Bauopfer besänftigen lassen. Zugleich erbot er sich, ihnen ein Kind zu verschaffen, das sie lebend in die Brücke einmauern müssten. Da waren die Bauleute einverstanden.

Am nächsten Tage fuhr in einer Kutsche eine Nonne vor mit einem Kinde auf dem Schoße. Nachdem sie sich von demselben verabschiedet und ihm eine Semmel in die Hand gegeben hatte, setzten es die Bauleute in eine schon vorbereitete Mauernische, die sie unter herzzerreißendem Jammergeschrei des kleinen Wesens mit einer Steinplatte verschlossen.

Seitdem ist die Brücke nicht wieder eingestürzt. Die unmenschliche Rabenmutter aber fand selbst nach ihrem Tode im Grabe keine Ruhe. In jeder Nacht kommt sie zur Geisterstunde zwischen 12 und 1 Uhr an die Zollbrücke und weint und klagt um ihr lebendig begrabenes Kind.

(aus: Siegmar Schultze-Gallera, Die Sagen der Stadt Halle und des Saalkreises, Halle 1922)