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Ein halbes Jahrhundert "Chemiearbeiterstadt"

Autor: Martin Boldt

Kreuzung Zollrain / Magistrale um 1970 | © Herbert Lachmann, Stadtarchiv Halle 

Am 15. Juli 2014 wurde Halle-Neustadt 50 Jahre alt. Eine lange und bewegte Geschichte liegt hinter dem Stadtteil Halles. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1920er-Jahren gab es Pläne, die Fläche westlich der Altstadt Halles zu bebauen, allerdings wurden sie damals noch nicht umgesetzt. Konkrete Form nahm das Projekt erst 1958 an. In diesem Jahr fand eine Konferenz des Zentralkomitees (ZK) der SED unter dem Thema „Chemieprogramm der DDR“ statt, bei welcher es besonders um den weiteren Ausbau der Werke in Buna und Leuna ging. In diesem Zusammenhang wurde ein Beschluss gefasst, der zum Ziel hatte, eine große Anzahl von Arbeitern in der Nähe der beiden Chemiestandorte anzusiedeln. Bereits im Jahr darauf begann die Standortsuche, in deren Ergebnis das Gebiet zwischen Alt-Halle, Nietleben und Passendorf als Vorzugsstandort ausgewiesen wurde. 1960 wurden die ersten Planungen vorgestellt und am 17.01.1963 beschloss das Politbüro des Zentralkommitees der SED den Aufbau der Chemiearbeiterstadt. Am 13. Dezember begann die Arbeit an Halle-Neustadt mit der tiefenbaulichen Erschließung des späteren Wohnkomplex I und des Plattenbauwerks. Am 1. Februar 1964 wurde das Plattenbauwerk, das die Betonteile für die geplanten Wohneinheiten fertigte, eröffnet. Mit dem vor 50 Jahren begonnenen Bau startete zeitgleich die verkehrstechnische Anbindung an die Arbeitsstätten Buna und Leuna. Im Zuge dessen gestaltete man den Thälmannplatz, heute Riebeckplatz, um. Außerdem begann in Merseburg die Konstruktion des Thomas-Münzer-Rings. Die Verbindungsstraße zwischen Halle-Neustadt und dem Chemiekombinat Buna in Schkopau wurde errichtet.

Die Wachstumsjahre der neuen Stadt

Die Grundsteinlegung für das Projekt erfolgte am 15. Juli 1964 auf dem Gelände der 1. Polytechnischen Oberschule (1. POS), heute das Landesbildungszentrum für Blinde und Sehgeschädigte, durch den 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED Halle, Horst Sindermann. Es entstanden vorerst 20.000 Wohnungen für 70.000 Arbeiter. HaNeu, wie es von den Einwohnern auch genannt wird, entwickelte sich von nun an zu einer der größten Plattenbausiedlungen Deutschlands. Ein Jahr nach der Grundsteinlegung 1965 konnten bereits die ersten Mieter einziehen, außerdem waren bereits grundlegende Einrichtungen für das gesellschaftliche Leben fertiggestellt: die 1. POS nahm ihren Betrieb auf und der erste Kindergarten eröffnete. Bis 1970 lebten bereits rund 39.000 Blick auf das Wandbild von Erich Enge | © Herbert Lachmann, Stadtarchiv HalleEinwohner in Halle-Neustadt. Was in diesen ersten sechs Jahren geschaffen wurde, liest sich in Zahlen ziemlich beeindruckend: 13.600 Wohnungen wurden gebaut, 7.200 Plätze in Ober- und Berufsschulen, 2.792 Kindergartenplätze und 1.322 Kinderkrippenplätze standen zur Verfügung. Darüber hinaus konnten Einkäufe auf circa 3.000 Quadratmetern Verkaufsfläche erledigt werden und mit 1.483 Gaststättenplätzen war auch die gastronomische Versorgung gesichert. Bemerkenswerterweise wurde bis dahin und auch bis 1989 kein einziges Hotel oder Warenhaus in der Stadt errichtet, für kulturelle Angebote oder besondere Einkäufe musste zumeist nach Alt-Halle gefahren werden.

Was darauf in den nächsten Jahren noch errichtet wurde, erscheint wie eine bautechnische und gesellschaftliche Erfolgsgeschichte: 1971 wurden das Kinderkrankenhaus und das Bildungszentrum fertiggestellt. 1972 konnten die ersten Kleingärtner ihre Gärten beziehen. Die Einwohnerzahl betrug nun über 50.000. 1974 begann der Bau des Punkthochhauses Am Tulpenbrunnen, in das 1977 die ersten Mieter einzogen. 1974 fand im heutigen Ringelnatzweg die Übergabe der 23.000ste Wohnung statt, und schon ein Jahr später wurde in der Gellertstraße die 25.000ste Wohnung bezogen. 1976 eröffnet das Dienstleistungszentrum und die Post im Zentrum und drei Jahre später begann der Bau des hochmodernen und letzten Kinoneubaus der DDR „Prisma“. Die schrittweise bauliche Erschließung schlug sich auch in der Einwohnerzahl nieder, so dass Halle-Neustadt 1981 ca. 90.000 Einwohner aufwies.

Die Entwicklung nach der friedlichen Revolution

Und wie ging es mit der Chemiearbeiterstadt nach 1990 weiter? Das erste große Ereignis nach der Wiedervereinigung war die Eingliederung Neustadts nach Halle, denn per Bürgerentscheid verlor die Arbeiterstadt am 6. Mai 1990 ihre Eigenständigkeit. In den folgenden Jahren erfuhr die Stadt auch einige bauliche Neuerungen, so entstand etwa der Gebäudekomplex Magistralen-Careé, außerdem begann 1998 auf der Magistrale der Gleisbau für die Straßenbahnanbindung. 1999 war die Straßenbahnverbindung von der Magistrale bis zur Soltauer Straße voll ausgebaut, und somit erfuhr Neustadt nach der Verbindung mit der Hochstraße und dem schon seit 1969 durch Neustadt laufenden S-Bahn-Verkehr von Halle-Dölau zum Hauptbahnhof nun die komplette Verkehrsanbindung an die Stadt. 1999 musste das Kino „Prima“ weichen und wurde durch das 2000 eröffnete Neustadt-Center ersetzt, das mit seinen 10.000 Quadratmetern Nutzfläche Platz für Einkaufsmöglichkeiten, Kino sowie Kultur- und Sozialeinrichtungen bietet. Da Stadtstruktur an die neuen Erfordernisse und die schrumpfenden Einwohnerzahlen angepasst werden musste, wurde der Stadtteil 2001 in die Landesinitiative des Landes Sachsen-Anhalt URBAN 21 aufgenommen. Durch die Initiative sollten, gefördert durch den Bund, das Land, den EU-Strukturfonds EFRE (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) und ESF (Europäischer Sozialfonds), Erneuerungsmaßnahmen umgesetzt werden. Danach wurde der Stadtteil Neustadt Fördergebiet der Stadtbauförderprogramme „Soziale Stadt“ und „Stadtumbau Ost“, die bis heute aktiv sind. Insgesamt wurden seit der Wende mit circa 37 Millionen Euro Fördermitteln unter anderem der öffentliche Raum neu gestaltet und leere Gebäude rückgebaut. Durch diese Maßnahmen konnten die Qualitäten des Stadtteils erhalten werden. Neustadt ist heute eine grüner und lebenswerter Stadtteil.

 

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